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  • A. Rosenstock

Klimabäume ab 2021: Die Umsetzung (Teil 2)

Interview mit Forstwissenschaftler Prof. Dr. Jens Schröder


Im zweiten Teil des Interviews erklärt Prof. Schröder, wie es zur Auswahl der Baumarten kam, welche Maßnahmen zum Entstehen eines gesunden Waldes beitragen sollen und was einer erfolgreichen Umsetzung im Wege stehen könnte. (Teil 1 finden Sie hier)


Sie planen, was in Zukunft wachsen soll: Prof. Jens Schröder (links) und Hans-Jürgen Sturies.



Prof. Jens Schröder

...forscht als Dozent an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung (HNEE) im Fachbereich Wald und Umwelt, sowie als Leiter des Fachbereiches Waldressourcenmanagement im Landeskompetenzzentrum Forst (LFE) in Eberswalde zu forstwissenschaftlichen Themen.

Seit kurzem ist er in ein neues Projekt involviert: Forschung zu Waldökologie, Waldbau und vor allem Klimawandelanpassung auf den Flächen von NfG! Auf insgesamt rund 60 Hektar Versuchsfläche werden in den nächsten Jahren neben heimischen Baumarten auch (hoffentlich) klimaresistente Alternativbaumarten gepflanzt.

Als „Alternativbaumarten“ gelten Arten, die entweder in der heimischen Flora selten vorkommen beziehungsweise forstlich kaum beachtet werden (z. B. die Eibe) oder nichtheimische Baumarten, über die in der angewandten Forschung noch kaum Anbauerfahrungen vorliegen (z. B. die Nobilis-Tanne).


Den Anfang machen wir 2021 in der Nähe von Grunow, es folgen zwei bis drei weitere Flächen bei Ragow-Merz. Da pro Jahr nur eine bestimmte Fläche bewältigt werden kann, sollen jedes Jahr circa 15 Hektar gepflanzt werden. So eröffnet sich Raum für intensive Forschung.



Auswahl der ersten Fläche: Grunow 2021


gebietsfremde Arten:

· Riesen-Lebensbaum (Thuja plicata)

· Westamerikanische Hemlocktanne (Tsuga heterophylla)

· Nobilis-Tanne (Abies nobilis)


heimische Arten:

· Eibe (Taxus baccata)

· Weißtanne (Abies alba)

· Hainbuche (Carpinus betulus)

· Winterlinde (Tilia tomentosa)


weitere Maßnahmen:


· Buchenstreifen zwischen den nicht-heimischen Arten (Fagus sylvatica)

· maschinelle Lockerung des Bodens auf 50 % der Fläche

· Blüh- und Waldrandstreifen



Professor Schröder, welche Fläche wird der Forstwissenschaft normalerweise zum Bäume pflanzen und erforschen zur Verfügung gestellt? 60 Hektar klingt ziemlich groß.


Das Versuchswesen, das ich kenne, besteht aus Parzellen von 0,2-1 Hektar. Das wird teilweise ergänzt auf 4-5 Hektar, aber viel größer wird es in der Regel nicht. Mehr ließe sich langfristig personell und zeitlich auch gar nicht umsetzen. Ich hoffe, dass bei dem jetzigen Projekt eine größere Fläche abgedeckt werden kann: Durch die verschiedenen Institutionen, die sich engagieren, kann hoffentlich mehr Fläche bearbeitet werden, können mehr Fragen beantwortet werden.


"Elterlich" begleitete Bäume ab 2021 in Grunow

Wie kam es zur Auswahl der drei gebietsfremden Arten Riesen-Lebensbaum, Hemlocktanne und Nobilis-Tanne?


Das ist erstmal ein Start. Wir haben uns am Dienstag überlegt: Womit fangen wir an? Auf unserer ersten Waldfläche bei Grunow sind Plantagenhölzer wie Pappel und Robinie bereits vorangebaut. Die können wir, nachdem wir sie stark auflockern, sehr gut als Vorwald nutzen: Um für andere, vielleicht empfindlichere Baumarten einen Schutzschirm aufzubauen.

Und dann haben wir uns angeschaut: Welche Baumarten sind dankbar für diesen Schutz? Wo ist es wichtig, dass die Pflanzen nicht auf der kahlen Fläche wachsen müssen mit Frost und im Sommer mit extremer Sonneneinstrahlung? Da sind diese Nadelbaumarten mit in den Blick geraten. Es wurde aber auch zum Beispiel die Buche berücksichtigt, die heimische Eibe, die Hainbuche. Buchen beispielsweise könnte man auf den Freiflächen in Ragow-Merz nicht bringen. Das ist eine Baumart, die immer unter einem Schirm, mit elterlicher Begleitung wächst. Wenn wir das in Grunow geschafft haben, gehen wir in den nächsten drei Jahren auf die Freiflächen und werden da auch andere Baumarten ausbringen.



Plantagenhölzer bilden nach ihrer Auflockerung einen wichtigen Schirm für die jungen Bäume, der sie vor Frost und Sonneneinstrahlung schützt.



Über welche Vorzüge verfügen die drei Alternativbaumarten?


Wir haben Arten ausgesucht, die sowohl ökologisch vorteilhaft und klimaangepasst sind als auch Holz produzieren können. Es ist ein wenig aus dem Diskurs verschwunden, aber ich erinnere mich, dass vor kurzer Zeit noch viel von Green Economy die Rede war – und auch von nachwachsenden Rohstoffen, die die Basis dafür bilden. Der anteilmäßig größte Rohstoff in diesem Konzept ist das Holz. Und das spielt auch bei unserer Auswahl eine Rolle.

Der Riesen-Lebensbaum ist unter diesen Aspekten sehr interessant, er hat sich auf älteren Versuchsflächen auch schon bewährt. Er kann gut unter Schirmbedingungen wachsen und ist später auch interessant für die Holznutzung. Bei der Nobilis-Tanne ist es das Gleiche: In Nordamerika kann sie unter trockenen Bedingungen wachsen. Auf Testflächen in Deutschland hat sich bei ihr in der Jugendphase bereits gezeigt, dass sie es hier aushält. Auf älteren Versuchsflächen kann man auch sehen, dass viel Holz entsteht. Ein weiterer wichtiger Punkt, wie schon erwähnt: Die Arten werden nicht als invasiv eingeschätzt.


Zugang zu Samen für nicht-heimische Arten noch nicht sicher

Welche Baumarten könnten für die Freiflächen von 2022-2024 ausgewählt werden?


Wir haben insgesamt über 30 Baumarten, die wir uns vorstellen könnten. Ein Viertel dieser Arten braucht einen Vorwald, weshalb wir sie in Grunow anpflanzen. Die restlichen 75 % sind so ausgesucht, dass sie mit Freiflächenbedingungen klarkommen.

Die Arten für 2022-2024 stehen also noch nicht fest, nur als Gesamtpaket. Es ist auch noch gar nicht sicher, ob wir überhaupt die Samen für alle nicht-heimischen oder seltenen Baumarten bekommen. Die Nachfrage ist zum Teil sehr hoch, die Baumschulen lassen sich das auch gut bezahlen. Deshalb wird sich die Auswahl vielleicht noch einengen. Aber wir haben erstmal ein Ideal im Kopf und eine Liste von Pflanzen, die sich standörtlich gut eignen würden, wo es zumindest die Ahnung gibt, dass sie stabil sind und den klimatischen Bedingungen standhalten können.



Welche Funktionen haben die geplanten Buchenstreifen zwischen den Reihen?


Wir wollen die Buche direkt zwischen die Parzellen mit den ungewöhnlichen Baumarten bringen, jeder zweite Streifen bestünde aus Buche. So soll die Mischbarkeit mit dieser wichtigen heimischen Baumart untersucht werden: An den Berührungsflächen sehen wir, wie die Wechselbeziehungen sind. Ob der eine Streifen eventuell den anderen schädigt oder bedrängt oder ausdunkelt; wie sich der Kontakt ausgestaltet. Zum anderen bleibt wie gesagt die Invasivität ein Thema, das werden wir auch mit behandeln. Deshalb haben wir die Buche als konkurrenzstarke Baumart mit einbezogen. So sehen wir, ob die Arten aus ihren Parzellen heraus wirklich invasiv werden können. Falls es dazu käme, könnten sie sich durch den Trennungsstreifen nicht in die Landschaft oder in konkurrenzschwächere Baumarten ausbreiten. Die Buche zeigt uns mögliche Entwicklungen im Kontakt mit der heimischen Flora.


Wie sollen die verschiedenen Arten auf der Fläche angeordnet werden?


Die genaue Anordnung ist auch abhängig von der Standortkartierung, je nachdem welche Baumart mehr oder weniger Nährstoffe braucht. Es soll zudem eine Art Zufallsanordnung sein, die Blöcke sollen nicht zu groß werden, ungefähr 0,5 Hektar pro Baumart. Dann können wir mindestens zwei bis drei Blöcke pro Baumart auf diesen Flächen pflanzen. Die Blöcke an sich werden wir verteilen, um möglichst unterschiedliche Zustände erforschen zu können. Sie sollten nicht alle aneinander stehen, damit wir so viele Informationen zu den Nachbarschaftsverhältnissen sammeln können wie möglich. Es wird also eher eine schachbrettartige Verteilung der Baumarten, angeordnet nach Standort und Zufall.


Sind die Wurzeln stark genug, um die harte Sedimentschicht zu durchdringen?

Eine weitere Herausforderung stellt der Boden dar. In circa 30-40 Zentimeter Tiefe trifft man auf betonharte, weiße Ablagerungen des märkischen Sandes. Wie kommen diese zustande und welche Auswirkungen haben sie auf die Aufforstung?


Bodenpartikel werden im sandigen Boden bis zu einer gewissen Stufe heruntergespült und bleiben dann da hängen, wo der Sand ganz fein wird. Wenn sich so eine Schicht einmal bildet, dann bleibt alles an ihr hängen, sie verdichtet sich immer mehr. Diese Ablagerungen werden eventuell auch durch die landwirtschaftliche Nutzung verstärkt, aber nicht hervorgerufen. Es scheint etwas Natürliches zu sein, die Gründe dafür sind wahrscheinlich die eiszeitlichen Bewegungen. Nur in wenigen Teilen Brandenburgs sind diese Ablagerungen so charakteristisch wie hier auf der Beeskower Platte.

Für die Landwirtschaft ist das kritisch und gibt uns natürlich auch bei der Aufforstung zu denken. Wir können ohne weitere Vorbereitungen keine Baumarten auf die Fläche setzen, die eine geringe Wurzelenergie haben; die also nicht von sich aus kräftig in die Tiefe wachsen und nach Wasser und Nährstoffen suchen. Manche Arten können das gut, wie zum Beispiel die Eichen, andere können das nicht und weichen solchen Standorten eher aus. Darauf werden wir uns bei der Aufforstung einstellen: Beim sogenannten „Strip-Tilling“ kommen Maschinen zum Einsatz, die den Boden in den Pflanzreihen auflockern, damit die Wurzeln bessere Bedingungen bekommen.



Schwer durchdringliche Ablagerungen im Boden (weiße Schicht). Darunter befindet sich eine nährstoffreiche, lehmige Schicht.



Die gesamte Fläche wird mit Maschinen aufgelockert?


Wir können den massiven Maschineneinsatz wie er auf diesen Flächen nötig ist nicht überall leisten. Deshalb schauen wir, ob der Einsatz dieser Maschinen wirklich einen großen Unterschied macht oder nicht. Die Idee: Eine Hälfte wächst auf tiefenbearbeiteter Fläche, die andere nicht. Auf diese Weise können wir herausfinden, ob die Baumarten es vielleicht doch alleine schaffen, mit ihrer Wurzelkraft die Schicht knacken können. Gerade über die nicht-heimischen Arten wissen wir in dieser Hinsicht noch zu wenig.


Verbündete in der Insektenwelt – der Waldrand als Kriegsschauplatz

Um die Flächen herum sollen Sträucher, Wildobst, Wild- und Elsbeere, Pappeln und mehr gepflanzt werden. Welche Funktionen werden damit erfüllt?


Zum einen dient es der Biodiversität, heimische Pflanzenarten mit hohem Lichtbedarf können sich an diesen Stellen weiter vermehren. Auch als Lebensraum vor allem für viele Tierarten und hier vor allem Insekten spielt ein solches Biotop eine wichtige Rolle. Manche von ihnen können den Wald gegen andere Insekten schützen, die als Feinde einzustufen sind. Zum anderen ist es wichtig, eine Art Reserve für unsere Verbündeten in der Insektenwelt zu schaffen: Viele natürliche Gegenspieler der Schadinsekten brauchen in den Jahren, wenn diese Hauptnahrung nicht vorhanden ist, Überbrückung in Form von "Zwischenwirten". Auch für diese Arten schaffen wir mit den Waldrändern und Blühstreifen optimale Lebensräume. Insgesamt entstehen so vielfältige Strukturen mit hoher Biodiversität: Nicht nur in der Pflanzenwelt, auch in der Tierwelt. Für Insekten, Vögel, und als Unterstützung für die biologische Schädlingsbekämpfung.


Prof. Schröder und Axel Behmann bei einer gemeinsamen Flächenbegehung im November



Klingt insgesamt nach einem guten Plan. Was könnte der Umsetzung in den nächsten Jahren noch im Wege stehen?


Da fallen mir mehrere Dinge ein: Einerseits können immer abiotische Extrembedingungen dazwischenkommen. Es kann beispielsweise harten Frost geben. Vor allem extreme Spätfröste können eine Menge Pflanzen, auch ganze Parzellen, ausfallen lassen. Auch ein langes, trockenes Frühjahr kann problematisch sein oder auch ein sehr feuchtes, in dem Vieles von Pilzen vernichtet wird. Da kann Einiges schiefgehen. Zum andere könnte es schwierig werden, falls sich im Laufe der Zeit die rechtlichen Rahmenbedingungen für unsere Aufforstung ändern: Es könnten kurzfristig Änderungen notwendig sein, die ein paar Jahre vorher noch nicht erforderlich gewesen wären.

Aber abgesehen von diesen Dingen bin ich optimistisch. Auch was das Technische angeht: Da sind die Kollegen sehr gut aufgestellt, haben kompetente Partner an ihrer Seite.


Professor Schröder, vielen Dank für das Gespräch!



Teil 1 des Interviews verpasst? Hier geht's lang.


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